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Der archäologische Hintergrund der "Stader Bilder" von Jonathan Meese und Daniel Richter
von Andreas Schäfer
Die Freundschaft zu Daniel Richter ließ den Gedanken reifen, bei ihm nach künstlerischen
Darstellungen von archäologischen Fundstücken aus Stade anzufragen. Die Motivation hierfür
war, neue Wege in der Archäologie zu gehen und auch Menschen dafür zu gewinnen, die sich
bislang für andere Gebiete interessiert haben oder mit der Archäologie weniger konfrontiert
waren. Das rege geschichtliche Interesse von Daniel Richter ist bekannt, er war bereits in
jungen Jahren an Ausgrabungen in Preetz (Schleswig-Holstein) beteiligt. Von ihm selbst
stammt die Idee, die Bilder gemeinsam mit Jonathan Meese zu gestalten. Die Gründe hierfür
lagen in einer besseren künstlerischen Auseinandersetzung.
Wie zu erwarten, sind die Bilder der beiden Künstler frei interpretiert, bei einigen
Bildern sind die Gegenstände stark verfremdet. Der Betrachter wird vieles erst auf den
zweiten oder auch dritten Blick wieder erkennen. Aber genau darin liegt der Reiz dieser
Bilder. Sowohl für den Archäologen wie auch für den Künstler sind sie eine neuartige
Herausforderung und ein neues Betrachtungsfeld.
Ursprünglich war angedacht, dass fünf wichtige archäologische Fundstücke bzw.
Befunde aus Stade dargestellt werden sollten. Diese sollten die Vielfältigkeit
verdeutlichen, denn kaum eine andere norddeutsche Stadt kann ein ähnlich vielschichtiges
Fundgut von der Steinzeit bis in die Neuzeit aufweisen wie Stade. Als erste schriftliche
Überlieferung Stades ist der Wikingerüberfall 994 fixiert, doch bereits bis in das frühe
Mittelalter lässt sich die Geschichte der Stadt archäologisch nachweisen. Stade gilt als
eine der ältesten Städte Norddeutschlands und war bis um 1250 fast doppelt so groß wie
Hamburg. Später zeugen die Mitgliedschaft in der Hanse und der Ausbau als Festungsstadt
in der Schwedenzeit ab 1645 von einer intensiven Geschichte.
Die Papstbulle aus der Hafengrabung
Zu einer der bedeutendsten Grabungen in Stade kam es, als 1989
das Hafenbecken in der Altstadt saniert werden musste.
Die Stadtarchaeologie konnte einen 4 Meter breiten Schnitt durch die Hafensedimente setzen.
Bei den Ausgrabungen wurde das erste kuenstliche Hafenbecken um 1000 n. Chr. nachgewiesen.
Von ueberregionaler Bedeutung sind die umfangreichen Einzelfunde mit einem Gewicht von ueber 30 Zentnern.
Groesstenteils handelt es sich den reichhaltigen Niederschlag des Alltagslebens wie Schmuck, Hausrat,
Waffen oder Spielzeug. Daneben vermitteln die ueber 1000 Muenzen, Klappwaagen,
Feingewichte, Tuchplomben oder Pilgerzeichen Einblicke in die weit reichenden Fernbeziehungen.
Auf einem Bild der beiden Kuenstler ist die Papstbulle der Hafengrabung gemeinsam mit der
Bischofskruemme dargestellt. Es handelt sich hierbei um eine Bulle, sprich ein Siegel
des Papstes Benedict XII., der von 1285 bis 1342 gelebt hat. Benedict XII. war von
1334 bis 1342 Papst in Avignon. Er reformierte in seiner Amtszeit die kirchliche Aemterbesetzung,
vor allem der Benediktiner und Zisterzienserorden. Sein Leibarzt Johann I.
war gelernter Mediziner und Bischof von Verden.
Das Bischofsgrab
Im Mittelpunkt der Bilder von Jonathan Meese und Daniel Richter steht das Stader Erzbischofsgrab.
Das waehrend der Grabungen von 1992 bis 1997 im Zeughaus gefundene Grab ist ein
aussergewoehnlicher Befund. Die Ausgrabungen waren durch die Sanierung des Gebaeudes
notwendig geworden. Die Schweden haben beim Bau des Zeughauses 1698 auch die Mauern
mittelalterlicher Gruefte systematisch abgebrochen, so dass nicht mit der Erhaltung
von Bestattungen gerechnet werden konnte. Auf dem Areal befand sich die aelteste
Ordensniederlassung Stades, das 1132 von Graf Rudolf II. von Stade gegruendete
Praemonstratenserkloster St. Georg.
Der Leichnam fand sich in exponierter Lage in einer Entfernung von 2,5 Meter zum
Hochaltar. In diesem Bereich vor dem Altar wie in allen Partien des Chors,
in denen die Eucharistie gefeiert wurde, waren Graeber nur in Ausnahmefaellen und bei
herausragenden Persoenlichkeiten zugelassen.
Der Tote war mit Blickrichtung Osten in Rueckenlage beigesetzt, die Haende zum Gebet
gefaltet. Die anthropologische Untersuchung der Skelettreste stellte ein fuer die
damalige Zeit seltenes Sterbealter von 63 - 70 Jahren fest, dies stimmt mit den
schriftlichen Quellen ueberein.
Auf der Brust des Toten lag eine stark korrodierte eiserne Kruemme eines
Bischofsstabes. Die Kruemme war urspruenglich vollstaendig verzinnt,
im unteren Bereich liess sich eine Kupfertauschierung nachweisen. Hier handelt
es im moeglicherweise um die Reste eines Schriftzuges, vielleicht mit dem Namen
des Toten. Obwohl die Kruemme mit der wahrscheinlich silberaehnlich glaenzenden Oberflaeche
und dem Dekor der Kupferlinien nicht ohne repraesentative Wirkung gewesen sein duerfte,
ist aufgrund der Herstellung aus Eisen auszuschliessen, dass es sich um den originalen
Amtsstab des Erzbischofs handelt. Es ist ein eigens fuer die Bestattung angefertigtes
Stueck, eine ,Grabinsignie". Dieser Brauch kann bei etlichen Grablegen von Koenigen und
Bischoefen im Mittelalter beobachtet werden. Den Toten werden statt der Originalinsignien
Ersatzanfertigungen mitgegeben.
Der Leichnam war vollstaendig von einer weitgehend vergangenen dunklen Huelle aus einer
organischen Substanz umgeben. Diese konnte erst nach intensiven Laboruntersuchungen als
Leder analysiert werden. Solche Ledersaecke wurden im Mittelalter benutzt, um
die Ueberreste Verstorbener ueber laengere Strecken zu ueberfuehren. Das Stader Grab war
folglich nur als Zwischenlager fuer den Leichnam Gottfried von Arnsbergs angedacht.
Er sollte vermutlich spaeter in dem Ledersack nach Bremen gebracht und dort im Bremer
Dom beigesetzt werden, dem eigentlichen Bestattungsplatz der Erzbischoefe.
Die Stadtarchäologie ist derzeit damit beschäftigt, den Keller unter dem Zeughaus mit
dieser ungewöhnlichen Bestattung neu zu gestalten. Die rekonstruierte Bestattung des
Bremer Erzbischofs soll einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden,
dabei soll die ursprängliche Nutzung als Gruft im Vordergrund stehen.
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